Notgroschen oder Schulden tilgen: Was zuerst?
Am Monatsende bleiben 200 € übrig, und im Kopf streiten sich zwei Stimmen: Die eine will endlich Ruhe im Konto und den Kredit schneller loswerden. Die andere will einen Puffer, damit die nächste kaputte Waschmaschine nicht wieder alles umwirft. Die meisten Ratgeber antworten darauf mit „kommt drauf an“ – dabei gibt es eine Reihenfolge, die fast immer funktioniert.
Die kurze Antwort: erst ein kleiner Puffer, dann Tilgung

Rein rechnerisch ist die Sache eindeutig: Kreditzinsen sind praktisch immer höher als Sparzinsen. Jeder Euro, den du tilgst, bringt dir also mehr als derselbe Euro auf dem Tagesgeldkonto. Nur ist das eine reine Zinsrechnung – und die geht davon aus, dass nie etwas dazwischenkommt. Genau da scheitert sie in der Praxis.
Wer alles in die Tilgung steckt und ohne Rücklage dasteht, muss die nächste unerwartete Rechnung wieder auf Pump bezahlen – Dispo, Ratenkauf, Kreditkarte. Dann hast du teure Schulden getilgt und dir dafür neue teure Schulden eingekauft. Deshalb lautet die Reihenfolge, die sich in der Beratungspraxis durchgesetzt hat:
- Stufe 1: einen kleinen Puffer aufbauen – etwa ein Monatsausgabenbetrag, nicht mehr.
- Stufe 2: teure Schulden konsequent abbauen, angefangen bei der teuersten.
- Stufe 3: den Notgroschen auf die volle Größe bringen und erst danach investieren.
Warum der Dispo deinen Notgroschen nicht ersetzt
Ein Einwand kommt an dieser Stelle fast immer: „Ich habe doch meinen Dispo, das ist mein Notfallpuffer.“ Das klingt logisch und ist trotzdem die teuerste Variante. Der Dispo ist in aller Regel der teuerste Kredit, den eine Bank überhaupt vergibt – deutlich teurer als ein Ratenkredit und um Welten teurer als jeder Sparzins.
Dazu kommt ein Punkt, den kaum jemand auf dem Schirm hat: Der Dispo ist eine freiwillige Leistung deiner Bank. Sie darf ihn kürzen oder streichen, und sie tut das erfahrungsgemäß genau dann, wenn dein Konto unruhig aussieht – also im Ernstfall. Ein Notgroschen, der dir ausgerechnet im Notfall entzogen werden kann, ist kein Notgroschen.
Stufe 1: Der kleine Puffer, der die Spirale stoppt
Ziel dieser Stufe ist nicht Sicherheit, sondern etwas Bescheideneres: Die Alltagspannen sollen nicht mehr auf dem Kreditkonto landen. Neue Reifen, Zahnarztzuzahlung, eine Nachzahlung beim Strom – das sind selten vierstellige Beträge. Ein Puffer in Höhe eines Monats an Fixkosten fängt die meisten davon ab.
Wichtig ist, wo dieses Geld liegt: auf einem getrennten Konto, nicht auf dem Girokonto. Auf dem Girokonto ist es optisch Teil des Kontostands und damit im Alltag aufgebraucht, bevor du es merkst – warum ein separates Tagesgeldkonto hier den Unterschied macht, steht in Tagesgeld vs. Girokonto.
Zwei bis drei Monate lang alles Übrige in diesen Puffer, danach umschalten. Diese Stufe soll kurz sein, denn währenddessen laufen die Kreditzinsen ja weiter.
Stufe 2: Teure Schulden weg – in der richtigen Reihenfolge

Jetzt geht alles Freie in die Tilgung. Nicht alle Schulden sind dabei gleich dringend. Die grobe Rangfolge nach Kosten:
- Dispo und überzogenes Konto: immer zuerst, das ist das teuerste Geld im Haushalt.
- Kreditkarten-Teilzahlung („Revolving“): oft ähnlich teuer wie der Dispo und tückisch, weil die Mindestrate den Betrag kaum senkt.
- Ratenkredite und „0 %“-Finanzierungen aus dem Elektromarkt: mittlere Priorität – bei echten Null-Prozent-Angeboten lohnt Sondertilgung finanziell nicht, nur fürs Gefühl.
- Baufinanzierung: die günstigsten Schulden. Hier parallel Rücklagen und Altersvorsorge aufzubauen ist meist sinnvoller als jede zusätzliche Sondertilgung.
Prüfe vor einer Sondertilgung zwei Dinge im Vertrag: Wie viel darfst du pro Jahr kostenlos sondertilgen, und verlangt die Bank eine Vorfälligkeitsentschädigung? Bei Ratenkrediten ist die Höhe dieser Entschädigung gesetzlich gedeckelt, bei Baufinanzierungen kann sie dagegen richtig weh tun. Ein Anruf bei der Bank vor der Überweisung spart hier im Zweifel mehr als drei Monate Sparen.
Und woher kommt das Geld für diese Stufe? Meistens nicht aus mehr Verzicht, sondern aus Abbuchungen, die niemand mehr braucht – die Anleitung dazu steht in Vergessene Abos finden.
Stufe 3: Notgroschen auffüllen, dann investieren
Sind die teuren Schulden weg, wandert derselbe monatliche Betrag zurück in die Rücklage – jetzt auf die volle Größe. Wie viel das für deine Situation bedeutet, rechnest du am besten anhand deiner echten Fixkosten aus: die Rechnung dazu steht in Notgroschen: Wie viel wirklich nötig ist.
Erst wenn diese Rücklage steht, ist ein ETF-Sparplan an der Reihe. Der Grund ist nicht Vorsicht, sondern Reihenfolge: Wer ohne Rücklage investiert, muss im Ernstfall verkaufen – und zwar genau dann, wenn es gerade schlecht steht. Wenn du dabei bist, deinen Haushalt neu zu sortieren, hilft die 50-30-20-Regel als Rahmen, um Tilgung und Sparrate nebeneinander unterzubringen.
Wer wirklich in der Klemme steckt – mehrere Kredite, Mahnungen, kein Überblick mehr –, sollte übrigens nicht optimieren, sondern reden: Die kostenlose Schuldnerberatung der Verbraucherzentralen ist dafür da und kostet nichts. Einen ersten Überblick gibt die Verbraucherzentrale.
Häufige Fragen
Soll ich meinen bestehenden Notgroschen auflösen, um den Kredit zu tilgen?
Nein – zumindest nicht komplett. Behalte den kleinen Puffer aus Stufe 1 und tilge mit dem Rest. Ein Notgroschen, den du auf null fährst, kommt als Dispo zurück.
Wie groß soll der kleine Puffer genau sein?
Nimm deine monatlichen Fixkosten – Miete, Strom, Versicherungen, Handy, Mobilität – und lege einmal diese Summe zur Seite. Für die meisten Haushalte liegt das im niedrigen vierstelligen Bereich.
Und wenn mein Kredit fast abbezahlt ist?
Dann zieh ihn durch. Bei einer Restlaufzeit von wenigen Monaten ist der Unterschied gering, und ein abbezahlter Kredit macht im Kopf mehr frei als jede Zinsoptimierung.
Zählt der Bausparvertrag als Notgroschen?
Nein. Alles, was du nicht binnen ein bis zwei Tagen ohne Verlust auf dem Konto hast, ist kein Notgroschen – das gilt für Bausparverträge, Festgeld und Fondsanteile gleichermaßen.
Gilt das auch für einen laufenden Ratenkredit?
Ja, aber mit anderem Tempo. Ein Ratenkredit mit festem Zins und fester Laufzeit läuft ohnehin planmäßig ab – ihn vorzeitig zu tilgen bringt meist weniger, als einen Dispo loszuwerden. Baue erst den kleinen Puffer auf, damit du bei der nächsten unerwarteten Rechnung nicht zusätzlich in den Dispo rutschst.
Was ist mit einem 0-%-Finanzierungsangebot?
Solange wirklich keine Zinsen anfallen, gibt es keinen Grund zur Sondertilgung. Prüfe aber das Kleingedruckte: Manche Angebote werden bei verspäteter Zahlung rückwirkend verzinst. Leg das Geld auf dein Tagesgeldkonto und zahle die Raten pünktlich per Dauerauftrag.
Wie viel Puffer brauche ich, bevor ich mit dem Tilgen anfange?
Ein Startbetrag von rund 1.000 € reicht den meisten, um kleine Notfälle abzufangen, ohne wieder Schulden aufzunehmen. Danach hat die Tilgung Vorrang, bis die teuren Schulden weg sind – erst dann füllst du den Notgroschen auf die vollen drei Monatsausgaben auf.
Welche Schulden sind wirklich teuer?
Faustregel: Alles über dem, was du sicher an Zinsen bekommst, kostet dich netto Geld. Der Dispo liegt fast immer am oberen Ende, danach kommen Kreditkartenschulden und Ratenkäufe. Eine geförderte Baufinanzierung mit niedrigem Festzins gehört dagegen nicht in dieselbe Kategorie – hier vorzeitig zu tilgen bringt oft weniger als ein solider Puffer.
Was, wenn ich beides gleichzeitig versuche?
Das funktioniert, dauert aber länger und fühlt sich zäh an. Sinnvoll ist es vor allem, wenn die Schulden vergleichsweise günstig sind. Teile den Betrag dann klar auf – etwa zwei Drittel Tilgung, ein Drittel Puffer – und lege beides als getrennten Dauerauftrag an, damit du nicht jeden Monat neu abwägen musst.
Die ehrliche Zusammenfassung: Ein bisschen Puffer, dann Vollgas auf die teuersten Schulden, dann der volle Notgroschen. Diese Reihenfolge ist nicht die mathematisch letzte Optimierung – aber sie ist die einzige, die auch dann noch hält, wenn das Leben dazwischenkommt.